LEDITION LAMMERHUBERFEP: Best Publisher 2017

DARWINS PALAST

Golden Pixel Award 2010, Printissimo Award 2010

Bernd Lötsch, Ernst Mikschi, Andreas Schwab
Lois Lammerhuber
24 x 32 cm, 400 Seiten, 204 Fotos,
Deutsch,
Hardcover, Schuber
ISBN: 978-3-901753-17-6 
Oktober 2009

DARWINS PALAST

Darwins Palast ist eine Hommage in spektakulären Bildern an eines der weltbesten Museen, an eine Sammlung die ihresgleichen sucht. Am Beginn des Buches steht die Szene aus einem Fries im Museum: Der Affe hält dem Menschen einen Spiegel vor und zeigt ihm, dass er nur eine Art unter vielen ist – Darwins Erkenntnis. Das Buch lässt uns an der Entwicklung einer beeindruckenden Ausstellung teilhaben, lässt uns die Meilensteine der Entstehung der Arten in Schritten von Jahrmillionen zurücklegen und begreifen. Es führt leichtfüßig und unterhaltsam durch die wunderbare Welt der Evolution. Fünfzehn Forscher des Hauses laden uns ein, mit ihnen auf jeweils eine kleine, fachliche Reise zu gehen. Ganz egal, ob es sich um Genetik, Insekten, Pflanzen, Parasiten, religiöse und philosophische Aspekte der Evolution oder um die Entstehung des Menschen selbst handelt.

13 Essays der Autoren: 
Karl Edlinger, Heinz Grillitsch, Elisabeth Haring, Mathias Harzhauser, Martin Lödl, Susanne Randolf, Helmut Sattmann, Silke Schweiger, Verena Stagl, Maria Teschler-Nicola, Ernst Vitek, Helmut Wellendorf, Dominique Zimmermann

EIN TEXTBEISPIEL
"Welch unvorstellbares Bemühen", Martin Lödl, Direktor der 2. Zoologischen Abteilung

Es war ein Physiker, der Inhaber des legendären Newton-Lehrstuhles, Stephen Hawking, der die wohl bedeutendste Frage der Menschheit stellte: „Warum muss sich die Materie den Qualen des Seins unterziehen?“ Eine Frage, die für die Physik – im Großen wie im Kleinen, die anorganische und organische Chemie und natürlich für die gesamte Biologie von fundamentaler Bedeutung ist.

Welch unvorstellbares Bemühen! Seit Äonen quälen sich Trägerhüllen aus komplexen Zellverbänden durch einen Zustand, den wir Leben nennen, in dem fortgesetzten Bestreben einen winzigen Teil ihrer selbst, ihr genetisches Material, an Nachkommen weiterzugeben. Ein riesiger, gnadenloser Fleischwolf, der die Keimbahn mit ihren milliardenfachen Enden und Ästen vorantreibt und vor sich herschiebt. Scheinbar immer nur ein Ziel vor Augen: jede Nische zu nutzen und jedes Chromosom, jedes Gen zur Weitergabe zu bringen. Dafür wird gekämpft, gemordet, geliebt, gehasst und um Energiereserven gerungen. Und all das vor einer unbeeindruckten Kulisse – den Meeren, verzehrender Hitze und unduldsamer Kälte, den Bergen und Tälern und Flüssen, die sich ebenso wandeln im Laufe der Zeit wie das Leben selbst. Der Mensch ist das erste Lebewesen, das aufgrund seines Bewusstseins begonnen hat, das Innere des Fleischwolfs zu bearbeiten. Mit mechanischen, medizinischen und gentechnischen Mitteln wird an den Lochscheiben, den Hindernissen auf unserem Evolutionsweg gefeilt, wird an der „Schöpfung“ gearbeitet. Die Unsterblichkeit der Keimbahn ist tot, es lebe die Unsterblichkeit der Bewusstseins!
Schöpfung! Ein schöner Gedanke, geboren aus unserer unstillbaren Sehnsucht. Gegründet auf der vorerst höchsten Stufe der Seinsentwicklung, dem menschlichen Bewusstsein. Allein, die Natur spricht eine andere Sprache. Es ist Charles Darwin zu verdanken, dass er uns befreit hat von dem Gedanken an eine unwandelbare Schöpfung, dass er erkannt hat, dass sich Lebewesen im Laufe der Erdgeschichte aus anderen Lebewesen weiterentwickelt haben und dass dieser langsame, sehr langsame Prozess auf Gesetzmäßigkeiten beruht. Die Entwicklung des Lebens aus einfachen Einzellern bis zu uns Menschen als eine riesige Geschichte der Verwandtschaften, fußend auf Mutation, Selektion und Isolation. Durch Darwin wurde der Mensch befähigt seinen Brüdern und Schwestern im Tierreich die Hand zu reichen. Die Evolutionstheorie war geboren! Heute erkennen wir, dass die Evolution in mehreren großen Phasen verlaufen ist:
• Die erste ist die präbiotische Phase. Die Materie erwarb die Fähigkeit zu kodieren und sich zu duplizieren. Die chemische Evolution brachte Großmoleküle hervor, die die identische Weitergabe von Information ermöglichte.
• In der zweiten Phase erwarb die Materie die Fähigkeit, sich selbst mit Energie zu versorgen. Dies war die Geburt der Lebewesen als Trägermedien der sich duplizierenden Molekülstränge. Diese Phase erfolgte in zwei wesentlichen Stufen: Erstens die Entwicklung der Zellen als energetisch selbständige Träger des Lebens. Drei Milliarden Jahre folgte die monotone Phase der Einzeller. Und zweitens die Erfindung von Sex. Diese Phase ermöglichte durch Rekombination eine dramatische Beschleunigung der Informationsvielfalt, war es doch nunmehr möglich in kurzer Zeit viele unterschiedliche Varianten zu erzeugen, die sich in der natürlichen Umgebung bewähren konnten.
• Die Materie erwarb die Fähigkeit sich selbst zu simulieren. Der Mensch – und nur der Mensch - erlangt das Bewusstsein und beschleunigt dieses fortlaufend durch neue Trägermedien: Wort und Schrift erweisen sich als die Basis der memetischen Evolution.

Vor Darwin war es Jean Baptiste Lamarck, der den Gedanken einer Evolution der Lebewesen in eine verständliche Form goss. Sein Gedanke, dass es eine unmittelbare Rückwirkung von Umweltfaktoren und geübten Verhaltensweisen auf die Vererbung von Merkmalen gäbe, begründete den bis heute bekannten Lamarckismus. Dies hat sich als trügerisch erwiesen, bis heute konnte der Lamarckismus in dieser direkten Form nicht nachgewiesen werden. Obgleich die Zeit im 19. Jahrhundert reif war für die Überlegungen zur Wandelbarkeit der Natur (in der Lebewesenwelt ebenso wie in der Geologie und der Astronomie) und obwohl auch andere Biologen, wie Alfred Russell Wallace, unabhängig von Darwin zu den Grundgedanken der Evolution fanden, so ist es doch letztlich Charles Darwin gewesen, der den Schritt gewagt hat und diese zweifellos umwälzenden Gedanken an die Öffentlichkeit brachte.

Die Weltumseglung mit der Beagle, an der der junge Darwin teilnahm, sollte den Ausgangspunkt für Darwins Erkenntnisse darstellen. Berühmt geworden sind die Galapagos Inseln vor der Küste Südamerikas. Hier entdeckte Darwin die verschiedenen Panzerformen der Riesenschildkröten und sammelte auch die Vielzahl unterschiedlicher Darwinfinken, die durch Radiation alle denkbaren ökologischen Nischen der Inseln besiedelt hatten. Vor der schroffen Kulisse der Lavaformationen fand Darwin den Schlüssel, ohne zu diesem Zeitpunkt noch zu ahnen, wie viel an Erkenntnis sich für ihn noch öffnen würde.

Im auslaufenden 19. Jahrhundert nahm die Evolutionstheorie immer mehr Gestalt an. Zunächst erfuhr sie wesentliche Unterstützung durch Johann Gregor Mendel, der die Erbgesetze entdeckte. In Deutschland wurde der Darwinismus durch Ernst Haeckel gefestigt. Seine biogenetische Grundregel, die besagt, dass sich die Stammesgeschichte noch einmal zeitrafferartig in der Embryonalentwicklung der Lebewesen wiederholt, wurde bald heftig kritisiert. Sie wird heute nur noch in Ansätzen akzeptiert. Die Kontinentalverschiebungstheorie von Alfred Wegener öffnete schließlich am Anfang des 20. Jahrhunderts auch den Blick für die geologische Evolution. Das Tor war geöffnet für die Analyse der vielen paläontologischen Befunde.

Survival of the fittest. Das weltbekannte Zitat Darwins vom Prinzip des „Survival of the fittest“ stammt ursprünglich vom englischen Sozialphilosophen Herbert Spencer und wurde erst später von Darwin übernommen. Es wird im Deutschen gern als „Überleben des Stärksten“ übersetzt. Das ist eine falsche Interpretation: es überlebt in der Natur nämlich der „gerade gut genug Angepasste“. Die Natur ist eine riesige Bühne des Mittelmaßes und nicht der Perfektion, sehr viel evolutionärer „Schrott“ wird ebenfalls weitergegeben, und es überwiegt das „unintelligent design“, das kann man tausendfach belegen. Als ein Beweis dieser These sei hier der Schmerz angeführt. Schmerz ist von Biologen und Medizinern zwar ein oft hoch gelobtes Phänomen, weil Schmerz gerne als ein „notwendiges“ Übel angesehen wird. Die Schmerzerzeugung ist in der Natur unglaublich gut gelungen, nur manchmal zu gut. Ohne Schmerz würden wir uns permanent verletzen, und wir würden es gar nicht bemerken. Eine andere Frage ist natürlich die Ausformung des Schmerzes. Schmerz war in der Evolution ein Minimalkonzept. Es musste der Schmerz – oder generell gesprochen Leid oder Unlust – entwickelt werden, weil ansonsten selbstverständlich keine Kontrolle des Organismus´ über seine eigene Befindlichkeit möglich gewesen wäre. Aber die Art, wie sich Schmerz äußert, ist in vielen Fällen dumm und unintelligent und weist darauf hin, dass nur dieses Minimalkonzept des „gerade gut genug Angepassten“ überlebt hat. Schmerz musste sein, er ist es aber mit einer ganzen Fülle an Unannehmlichkeiten, die völlig unnötig sind. Denken wir dabei zum Beispiel an den Phantomschmerz: Verliert ein Lebewesen ein Körperglied – und das passiert Tieren genauso wie uns Menschen – dann quälen uns über viele Jahre Phantomschmerzen – ein völlig sinnloser Vorgang. Würde also tatsächlich immer der Bestangepasste überlebt haben und seine Erbinformation weitergegeben haben, dann hätten wir heute von Natur aus diesen Zustand erreicht, den wir mit der Medizin zu erreichen versuchen: Wir beseitigen den Schmerz, nachdem wir die Information über die Ursachen desselben zur Kenntnis genommen haben, wir schalten den Schmerz mit Hilfe von Medikamenten aus oder dämpfen ihn, da er in weiterer Folge unnötig ist. Dazu kommt, dass in einzelnen Bereichen die Schmerzen überproportional stark sind, nur weil an bestimmten Körperstellen die Dichte an feinen Nervenbahnen besonders hoch ist und dadurch Schmerzmeldungen auslösen, die in keiner Relation zum Defekt stehen. Erst mit der heutigen Medizin machen wir das, was wir von einem bestangepassten Organismus erwarten würden: Wir fassen Schmerz als eine notwendige Information über den Zustand des Körpers auf, und beseitigen ihn medikamentös, bis wir die Ursache behoben haben.

Und dann gibt es einen zweiten Hinweis auf dieses unintelligente Design: die Krebserkrankungen, die sehr schwere, fundamentale Erkrankungen sind, welche sehr lange völlig schmerzfrei verlaufen und deshalb auch sehr lange nicht entdeckt werden. Krebs ist ein körpereigener Wachstumsprozess, der unkontrolliert und überbordend verläuft, die sich massenhaft teilenden Zellen schmerzen erst in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium. Oft treten hier die Schmerzen erst auf, wenn es zu spät ist.

Die Natur ist grausam. Prinzipiell können wir unsere Umwelt ja nur in den Spektren wahrnehmen, in welchen wir auch ein entsprechendes Sensorium besitzen, also ein Nervengeflecht, das uns Informationen aus der Umwelt liefert. Das können Lichtwellen, Wärme, Geräusche oder mechanische Reize sein. Wird ein Reiz „übertrieben“, dann wird er als Schmerz wahrgenommen. Liegt der Reiz in einem positiven Bereich, dann befinden wir uns innerhalb des Komfortspektrums, in welchem wir unseren Körper normalerweise gar nicht spüren.

Nun stellt sich die Frage, warum es der Natur im Laufe der Evolution nicht gelungen ist, die Reizübermittlung zu perfektionieren, das heißt, den Schmerz zu verringern, um das Leid bei Tieren und Menschen zu verringern? Weil in der Natur alle Lebewesen zu Fortpflanzung kommen, die grundsätzlich ein Sensorium haben, unabhängig davon, ob sie es perfektioniert haben. Der Natur – was immer man darunter verstehen mag – ist es völlig egal, ob ein Organismus Schmerzen leidet, denn die Natur ist vom Grundsatz her – aus menschlicher Sicht beschrieben - „grausam“. Denken wir an eine uns angenehm erscheinende Blumenwiese, wird die Funktionsweise der Natur deutlich: als „grausam“ ineinander verschachtelte Nahrungskette ist die Wiese eine Vernetzung von gegenseitigen Ernährungszuständen, Abhängigkeiten und Ausbeutungen, Tiere leben voneinander und von Pflanzen. Lediglich Pflanzen sind autotroph – sie ernähren sich von anorganischer Materie mittels Licht und sind deshalb überwiegend nicht „grausam“.

Dabei gibt es in der Natur klarerweise keine moralischen Bewertungen. Erst durch unser Bewusstsein und die Spiegelung der Umwelt kommt es zur Bewertung durch uns Menschen. Die Natur lässt gleichgültig all jene am Leben, die „gerade gut genug angepasst“ sind und schafft damit viele Unzulänglichkeiten. Diese Gleichgültigkeit zeigt die Natur selbstverständlich auch uns Menschen gegenüber. Um es mit den Worten von Franz Wuketits, Professor an der Universität Wien, auszudrücken: „Wir müssen uns wohl mit dem Gedanken anfreunden, in einer durch und durch sinnlosen Welt zu leben.“ Das sollte uns aber nicht depressiv stimmen, denn den Sinn geben wir uns schon selbst. Wir besitzen nämlich eine unglaubliche Eigenschaft, eben unser Bewusstsein.

Drei Probleme beim Verständnis der Evolutionslehre. Im vorigen Jahrhundert waren es vor allem die Erarbeitung der theoretischen Grundlagen der Systematik und die Entwicklung der Synthetischen Evolutionstheorie, die das Wissen von der Stammesgeschichte der Lebewesen voran brachten. Adolf Remane, Willy Kükenthal und Willi Hennig erweiterten die theoretischen Grundlagen der Systematik durch die Erkenntnis der Homologiekriterien. Ernst Mayr, Julian Huxley und Theodosius Dobzhansky schließlich formten eine Synthesis, in der sich Genetik und Populationsbiologie in die Evolutionstheorie integrierten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem die Versuche von Stanley Miller und Harold Clayton Urey, die zeigten, dass das Entstehen von Aminosäuren, den Bausteinen des Lebens, unter den Bedingungen der Uratmosphäre möglich war. Die Evolutionstheorie wurde dadurch in einem wesentlichen Punkt untermauert: sie wurde auf die präbiotische Phase auf diesem Planeten ausgedehnt. Praktisch zeitgleich entschlüsselten James Watson und Francis Crick im Jahre 1953 die Molekularstruktur der Desoxyribonukleinsäure (DNS). Die Struktur des Erbgutes war damit aufgedeckt. Ebenso begann in den 1950iger Jahren ein großes, neues Forschungsgebiet zu erblühen: die Ethologie. Konrad Lorenz, Niko Tinbergen und Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der letztlich die Humanethologie zu ihrer Blüte brachte, konnten nun viele evolutionsbiologische Fakten von Seiten des tierischen Verhaltens bestätigen. Trotz der weitgehend gesicherten Erkenntnisse über die Evolution, haben viele Menschen noch immer Probleme beim Verständnis derselben, und zwar in drei Richtungen:
• Die Wahrscheinlichkeit: Es ist für viele schwer nachvollziehbar, dass so komplexe Geschöpfe, wie sie die Natur bietet, ohne schöpferischen Einfluss und nur durch zufällige Bedingungen der Kohlenstoffchemie entstanden sein könnten.
• Die Zeitfrage: Die Vorstellung der unglaublichen Zeitdimensionen der Evolution ist den Menschen sehr schwer möglich. Die Vorstellung von Millionen oder gar Milliarden von Jahren ist uns nicht zugänglich.
• Das Sinnproblem: Wir neigen dazu, Geschichte als „gerichtet“ zu empfinden, wir können uns nicht vorstellen, dass wir in einer an sich sinnlosen Welt leben und die materielle Selbstkanalisierung der Grund für das Leben ist. Wir möchten annehmen, dass wir nicht alleingelassen sind und neigen daher dazu, die Geschichte als „geplantes Werk“ zu interpretieren.

Evolutionstheorie – wie geht es weiter? Wäre ich gezwungen die weitere Entwicklung der Evolutionstheorie zu kommentieren, so fiele mir nur der Satz ein: Von der Synthesis zum Integral. Einem der größten Biologen unserer Zeit, Richard Dawkins, ist es zu verdanken, in aller Klarheit das anti-teleonomische Prinzip der Evolution zu formulieren. Das „egoistische Gen“ beleuchtet die Wirkungsweise der Natur, die Mem-Theorie weitet die Evolutionskriterien auf die virtuelle Informationstradierung aus. Die Erweiterung der Evolutionstheorie, nunmehr auch auf die Stufe des Bewusstseins und die zu erwartende virtuelle Welt gehoben, öffnet den Blick zur Integralen Evolutionstheorie. Das Bewusstsein präsentiert sich als völlig neue Stufe der Evolution mit einem Qualitätssprung vergleichbar mit der Entwicklung von der Einzelligkeit zur Vielzelligkeit. Diese Integrale Evolutionstheorie – in Ansätzen vorweggenommen von der viel zu wenig beachteten Energontheorie von Hans Hass - wird unterstützt von den modernen Erkenntnissen der Evolutionsprogramme, die die Selbstkanalisierung auf eindrucksvolle Weise am Computer bestätigen. Die Biologie wird zusammenwachsen mit der Informatik: Marvin Minsky, Hans Moravec und Ray Kurzweil sind nur einige der richtungsweisenden Namen. Künstliche Intelligenz und artifizielles Leben werden in den nächsten zwei Dekaden wahrscheinlich weitere fundamentale Einsichten in die Evolution ermöglichen.

In den letzten zwei Jahrzehnten haben Versuche zugenommen, die Evolutionstheorie für tot zu erklären. Eine Welle der Anti-Aufklärung. Ist es von christlicher Seite das „Intelligent Design“, das den Schöpfungsmythos durch Beschwören eines intelligenten Naturplanes wieder aufleben lassen will, so sind es von wissenschaftlicher Seite verschiedene Versuche, den lamarckistischen Ansatz wieder zu beleben. Ausgehend von der Genetik werden Selbstkanalisierungsmechanismen und Regelkreissysteme als „kooperative Prozesse“ im Evolutionsgeschehen gedeutet und dadurch mitunter voreilige Schlüsse gezogen. Selbst der Nachweis lamarckistischer Prozesse wäre aber kein Beweis gegen die Evolutionstheorie und würde keinesfalls den Abschied vom Darwinismus bedeuten. Die wesentlichen Phänomene der teilnahmslosen und ungerichteten Weiterentwicklung der Keimbahnäste, die sich der Regulation von Isolation und Selektion unterziehen müssen, bleiben bestehen. Der Versuch, Kooperationsmuster in der Wirkungsweise biochemischer Systeme, als positives Wirkmuster der Evolution zu deuten, muss fehlschlagen, da sie funktionale Kooperation mit intentionaler Kooperation verwechselt. Und eine absichtsvolle Kooperation auf breiter Basis ist erst dem Homo sapiens vorbehalten. Dennoch wird die Epigenetik eine immer wichtigere Rolle im Verständnis der Vererbung spielen. Die Steuermechanismen der Gene, die auch Rückkoppelungen auf das Erbgut durch Umwelt und Verhalten erlauben, müssen noch genauer untersucht werden.

Lust und Leid … und am Ende ist Beschaulichkeit, ist Ruhe und Frieden. Mag sein, dass wir Biologen keine besseren Nachrichten haben, als jene von einer teilnahmslosen Natur und einem nicht enden wollenden Kampf der Kreaturen. Aber es ist weder hoffnungslos, noch zu spät. Im Gegenteil. Das Entstehen des Bewusstseins, unseres Bewusstseins, hat neue Türen geöffnet. Mitgefühl und Empathie, Liebe und Zuneigung und Barmherzigkeit sind durch uns in die Welt gekommen, das ist nicht zu leugnen. In dem Augenblick, in dem die Selbstsimulation in die Natur kam und der Mensch Bewusstsein erlangte, hat das Leid aufgehört, eine Berechtigung zu haben. Große monotheistische Religionen weisem dem Leid immer noch einen gewissen Sinn zu. Sie müssen das tun, sie können der ideologischen Mühle, das Leid zu rationalisieren, nicht entrinnen. Wir Menschen sind aber in der Lage zu beurteilen, zu bewerten und in Gut und Böse einzuteilen. Negative wie positive Gefühlstönungen – Leid wie Lust – mussten entstehen, um das Überleben der Organismen überhaupt garantieren zu können. Nur wer Hunger oder Schmerz fühlt wird fressen, sich wehren oder fliehen. Nur wer Lust fühlt, wird sich fortpflanzen wollen. Es ist uns Menschen vorbehalten, diese Empfindungen auch zu bewerten.

Ob das Naturverständnis bei manchen auf Glauben oder bei anderen auf einem mechanistischen Weltbild gegründet sein mag, eines kann uns niemand nehmen: Wir können einander die Hände reichen in Verständnis und Güte. Und das ist schließlich auch ein Ergebnis der Evolution.

Autoren

Andreas Schwab

freischaffender Autor und Redakteur, ist seit 1990 Pressesprecher bei der Stadt Wien und seit 2009 in der Magistratsdirektion Wien für die interne Kommunikation beim Projekt „Hauptbahnhof Wien“ zuständig.

 

Lois Lammerhuber

ist Fotograf und Verleger. 1984 beginnt die enge Zusammenarbeit mit der Zeitschrift GEO, die bis heute andauert und seine Auffassung von Fotografie massiv prägt. Seine Fotos werden in hunderten Büchern und Magazinen publiziert und mit internationalen Auszeichnungen prämiert. Unter anderem erhält er dreimal den „Graphis Photo Award“ für die weltweit beste Reportage des Jahres. Seit 1994 ist er Mitglied des Art Directors Club New York. 2014 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse. 

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